Eine Qual für die Absender und (viel zu häufig) ein Graus für viele Empfänger: Schriftliche Bewerbungen. Ich frage mich – warum werden so viele Bewerbungen geschrieben und verschickt?
Gleich zu Beginn: Ja, teilweise werden schriftliche Bewerbungen gewünscht oder gefordert. Dennoch stelle ich das Prinzip, Bewerbungen zu verfassen und zu verschicken, prinzipiell in Frage. Erstens: wie viel von dem was ich darstelle und zu bieten habe, kann ich schriftlich ausdrücken? Wer ist sprachlich so begabt, dass er dazu individuelle, interessante und im Ergebnis wahrscheinlich erfolgsversprechende Lösungen zu Papier bringen kann? Bewerben heißt, sich – im positiven Sinne – zu vermarkten, die Mitbewerber hinter sich zu lassen und wenn alles gut geht, für das Unternehmen einen verheißungsvollen Gewinn darzustellen. Über copy paste ist das kaum zu machen und ich kenne genügend Unternehmens-Posteingänge (real oder elektronisch), die durch die Flut der gleich aussehenden, getexteten und damit nichts aussagenden Bewerbungen überlaufen und kurz- oder langfristig geschlossen werden.
Viele KMUs haben nicht die Zeit, um sich dieser Flut zu stellen und verzichten gänzlich auf den Erstkontakt über eine Bewerbung. Diese zu erreichen, funktioniert dann nur noch über den persönlichen Kontakt. Nun werden viele sagen: Ja, aber die haben doch gar nicht die Zeit, all die Interessenten an der Tür spontan zu begrüßen und mit ihnen eine weiterführendes Gespräch zu führen. Stimmt! Aber es kommen ja auch nicht die Massen. Denn eine Bewerbung zu schreiben ist “einfach” und lässt sich – teils in aberwitzigen Mengen – durch die Gegend pusten. Nur wenige würden sich trauen, den Betrieb gleich aufzusuchen, statt erst eine Bewerbung zu schicken.
Wie verrückt das ist, was da passiert, wird deutlich, wenn wir es auf unser “normales” Leben übertragen: Wer bitte lässt sich vom DFB dutzende von Adressen umliegender Fußballvereine geben, um dann aufwändig, mit viel Zeit, Mühe und Kosten Bewerbungsmappen zu produzieren, diese durch die Gegend zu schicken, in der Hoffnung bei einem von den Vereinen dann auch endlich Fußball spielen zu können? Keiner – und das ist auch ganz normal! Jeder würde sich umhören, sein Netzwerk befragen, hingehen, hinschauen, Gespräche führen, Eindrücke gewinnen, mit Ehemaligen oder Beteiligten sprechen, Probestunden machen, reinschnuppern und dann eine Entscheidung treffen. Und er würde die Entscheidung nicht für den Erstbesten treffen, sondern für den Besten.
Und was machen unsere Fröhlich-Durch-Die-Gegend-Bewerber? Sie glauben, sie hätten “gewonnen”, wenn sie nicht abgelehnt werden. Dabei frage ich mich: Wer sagt ihnen, dass sie den besten Betrieb der möglich gewesen wäre auch getroffen haben. So genau ich mir ein für mich passendes Fitnesscenter aussuchen würde, so sollte ich mir auch den Betrieb aussuchen, in dem ich ein Praktikum oder eine Ausbildung machen will. Betrieb A ist nicht gleich Betrieb B – und eine langjährige Ausbildung darin schon mal gar nicht. Also nutzen wir doch bitte erst mal die Kontakte (ggf. der Kontakte, der Kontakte, der Kontakte …) die wir haben und die wir für unsere Sache einspannen können. Warum in die Schlage der (teilweise hunderte von) Bewerbern einreihen, wenn ich mit etwas Geschick und Einsatz über mein Netzwerk der Empfehlungen den an der Hintertür identifiziere und für mich gewinne.
Und noch etwas: Nehmen wir an, ich würde die beste jemals geschriebene Bewerbung verfassen und sie voller Hoffnung und freudiger Erwartung an den Betrieb meiner Wahl schicken. Wer bitte, will mir garantieren, dass meine Bewerbung auch – meinem Aufwand und meiner Mühe entsprechend – gelesen wird? Man stelle sich vor, dass – durch einen Zufall – meine Mappe in einem Stapel von Hunderten ganz unten liegt. Und wenn ich nun tage- und wochenlang nichts höre denke ich, ich wäre abgelehnt worden. Dabei kann es sein, dass mich einfach noch keiner “entdeckt” und “angeschaut” hat und ich immer noch im Stapel ganz unten liege. Und weil die Betriebe nicht (!) “den Besten”, sondern “einen (den betriebliche Anforderungen entsprechend) passenden” Bewerber suchen und deshalb auch nicht ALLE Bewerbungen durchforsten, werden sie – nachdem sie von oben nach unten gearbeitet haben (und das teilweise über Tage) – die Suche einstellen, weil sie eine ausreichende Auswahl getroffen haben. Der Rest bleibt liegen und wird – aus Mangel an ausreichendem Porto – auch nicht zurück gesendet. Und da liegt sie nun – meine ach so tolle und wertvolle Bewerbung …
Vorschlag: Versende niemals eine Bewerbung, wenn du den Empfänger nicht persönlich gesprochen oder ggf. sogar vor Ort kennen gelernt hast. Nicht schicken – hinbringen! Und immer wieder: kennst du jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Mit der – zugegeben notwendigen und richtig guten und vor allem vollständigen – Mappe unterm Arm durch die Türen gehen, hinter denen wir arbeiten wollen. Mit den Menschen erst einmal reden, mit denen ich arbeiten möchte. Den Ort erst einmal kennen lernen, an dem ich arbeiten möchte. Ob man dabei Ablehnung, Unmöglichkeiten und Enttäuschungen erleben kann? Aber klar doch – wie im ganz normalen Leben auch. Nur wundert uns das nicht, wenn wir in ein “schlechtes” Fitnesscenter gehen. Wir drehen uns auf dem Absatz um und gehen selbstverständlich in den nächsten Laden rein. So kann ich nur raten: machen wir es wie im Privatleben: nicht (immer wieder versuchsweise und nach uns fremden Regelwerken) FORMAL, sondern REAL. Ich nenne das “Nase zeigen”. In diesem Sinne: fröhliches Kennen lernen!